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13 Reisegedichte im Umkreis der Kulturwanderreise nach Litauen im Juni 2012

Mittwoch, 20. Juni 2012

 

Günter F. Landsberger:

13 REISEGEDICHTE VOR, WÄHREND UND NACH UNSERER REISE NACH LITAUEN 2012

(wie andere Reiseteilnehmer… ihre Photos machten, schrieb ich diese dilettantischen lyrischen Gebilde auf, wie sie mir gelegentlich in den Sinn kamen)

 
THOMAS MANNS SOMMERHAUS

Bezaubernd der Blick
aus des Zauberers
Fenster zu Nida!

Der empathische Zauber
(emphatisch gewinnend
wie 30 Jahre zuvor einst
bei Haydn in Rohrau)
stellt sich
indessen
nicht ein.

(GFL, 04.06. 2012)

LITAUISCHER UFERWALD

Pirol, Goldammer und
Mönchsgrasmücke
ließen sich hören im Wald
am Ufer der Memel,

nah ihren Schleifen,

während wir schon leise
gedachten der Floßfahrt
des folgenden Tags.

(GFL, 08. 06. 2012)

OSTSEE

Kreisrund der Horizont
auf dem Meer.

Unser Fährschiff wird
zum Zentrum der Welt.

———————————

Was aber blenden wir aus?

Die massierte Menge
der Lastwägen
auf dem Schiff?

Den schiffseigenen Treibstoffgestank,
der den Meerduft verdrängt,
ja beinahe vollständig
frisst?

Oder was sonst?

(GFL, 02. 06. 2012)

LOCKBUCH

Anders als für Odysseus
steht das Ziel meiner Reise
nicht fest.

Anders als bei Odysseus
fährt meine Frau
schon mit.

Irr ich auch so?

(GFL, 02. 06. 2012)

AUFSTEHFREUDEN

Die allererste Musik,
die ich heute morgen,
als noch ungesuchte,
im Radio zu hören bekam,
war die des letzten Satzes
des Klarinettenquintettes
von Brahms.

Wie beglückend stark
sie doch immer noch
auf mich zu wirken weiß –

zumal nach zehntägiger,
unfreiwilliger Musikaskese –

die große Musik!

Musa sei Dank.

(GFL, 12. 06. 2012)

TREUE

Musa, Geliebte,
jetzt hör ich wieder
ganz auf Dich,
jetzt lass ich Dein
Gedicht in mir
wieder zu.

(GFL, 11. 06. 2012)

 

VORSICHT. KEIN GEDICHT.

Welch unvergleichliche
Sprache!
Das war nicht lettisch, nicht estnisch,
nicht polnisch, nicht russisch:
Litauisch.

(GFL, 11. 06. 2012)

AN MICH SELBST
(6. Juni 2012)

Am 70. Hochzeitstag
Deiner nun schon mehr
als zehn Jahre lang
toten Eltern,
dem Tag, an dem
in der Nacht danach
vor siebzig Jahren in Liebe
Deine Zeugungsstunde war,
bist Du,
anders als sie
vormittags vor 70 Jahren,
und unversehens
mit den 16 Freund…en
in einer Kirche gewesen,
die heute noch –
und nicht nur
von den paar hundert
Evangelischen daselbst –
Martin-Luther-Kirche
genannt wird,
dort in Šilutė,
das sich vor kurzem noch
russisch schrieb
und noch viel früher,
sagen wir
zu Sudermanns Zeiten,
mit bezeichnendem Ypsilon
Heydekrug hieß.

(GFL, 11. 06. 2012)

Wie sich des Nachts
das volle Mondlicht
und am Tage
das grelle Sonnenlicht
auf den gischtenden
Wogen der Ostsee
funkelnd und
strahlend und leuchtend
verteilt und
sei’s silbrig, sei’s flirrend
gleichzeitig
zu einem Ganzen sich eint.

(GFL, 02. 06. 2012)

ABEND UND MORGEN

Als wir uns sonntags in Vilnius
nichts Böses ahnend
zu viert auf eine Wirtshausbank
mit Fernblick
im Freien setzten,
sagte ich gerade zu meinem linken Nachbarn:
„Pass auf, dass Du nicht runterfällst.“

Und kaum gesagt,
da brach die Bank
mit lautem Krachen
schon entzwei – ,
und wir acht,
wir vier also
und die vier
uns gleich vis-à-vis am Tisch,
stoben sehr rasch
und entgeistert lachend
miteinander auseinander
zu einer deutlich entfernteren Bank,
mit großem Respekt
vom nahen Abgrund weg.

Als meine Frau heute morgen erwachte,
brachte der Radiowecker
wie zum Abschluss unsrer Reise
gerade ein Gedicht von Johannes Bobrowski:
„Letztes Boot darin ich fahr“.

(GFL, 12. 06. 2012)

SUDERMANN MIT FOLGEN

Auf einer Wiese
hinter der Evangelischen Kirche
von Šilutė / Heydekrug
las ich laut aus Sudermanns
„Litauischen Geschichten“
unserer Reisegruppe vor,
meinen aus Prag und München,
aus Polen und Litauen,
aus Bottrop, Bremen und Freising,
aus Köln, Berlin und Hannover,
aus Regensburg und Frankfurt an der Oder
stammenden Freund…en.

Unversehens danach,
einige von uns
saßen bereits wieder im Bus,
kam eine kleine, agile,
wie sich alsbald herausstellte,
aufgeweckt fromme Frau
auf uns zu,
die uns bereitwilligst
die Kirche öffnete,
diese uns kundig zeigte
und die uns zudem
Simon Dachs schönes,
so würdig ergreifendes
„Lied von der Freundschaft“
mit lauter, fester Stimme
abschließend vorlas.

(GFL, 12. 06. 2012)

 

FRECHHEIT?

Als wir siebzehn
in einem Lokal in Vilnius
am Abend zum letzten Mal

zusammensaßen,
fragte mich
die neben mir sitzende

Litauerin
was ich von der Schönheit
der litauischen Frauen
hielte.

Angesichts der Anmut,
des besonderen Liebreizes,
ja, der Schönheit
unserer jungen
litauischen Aufwärterin
und mit ausdrücklichem Bezug
auf diese,
fiel mir
meine Antwort leicht.

Diese Schönheit
der litauischen Frauen
komme
von dem litauischen
Völkergemisch,
fuhr sie fort,
die bei den litauischen Männern
indessen
nicht durchschlage.

Dafür seien umgekehrt
die deutschen Frauen
nicht schön,
wohl aber
die deutschen Männer. –

Daraufhin schwieg ich,
fühlte mich nicht zuständig.

(GFL, 14. 06. 2012)

 

 

 

Weiß der Kuckuck

Heute morgen
versuchte ich
den Kuckucksdialekt
zu buchstabieren.

Da ich dies nicht konnte,
verlegte ich mich
aufs Zählen.

Der deutsche Kuckuck
am Heidsee heute
rief auch zwölf-,
dreizehnmal hinter-
einander
wie vor kurzem noch
der litauische Kuckuck
an der großen Memelschleife.

Glücklicherweise
hatte ich meine
Geldbörse
münzvermehrungswillig
auch hier
mit dabei.

(GFL, 17. 06. 2012)